Die basisdemokratische Airline

tl;dr
Die Basisdemokratie ist nicht gescheitert. Es braucht nur ein paar kleine Veränderungen.
Es muss nicht jeder zu jeder Zeit zu allem seine Meinung sagen.

Unlängst hat Christopher Lauer auf seinem Blogpost versucht, in einfachen Worten zu erklären, warum das derzeitige Konzept der Piraten nicht funktioniert. Manche Vergleiche hinken mehr als andere, aber ich fand die Allegorie so passend, daß ich sie im Folgenden gerne aufnehmen möchte.

Christopher wählte die Analogie der Mitmach-Airline und beschrieb, was alles schief gehen kann (und auch geht). Ich möchte gerne aufzeigen, was aus meiner Sicht dennoch funktioniert.

Alle Passagiere sollen, dürfen und wollen mitbestimmen. Das finde ich gut. Man muss sich nur einmal Gedanken darüber machen, worüber sie bestimmen sollen.

Wenn man einen Flug organisiert, sollte man sich zunächst überlegen, wo man hin will. Da ja alle mitfliegen, müssen auch alle mitbestimmen.
Da man als Gruppe fliegt, mag man sich noch darüber unterhalten wollen, wer alles mit darf, wo man Zwischenstopps macht, wann man losfliegt und wann man ankommen möchte. Auch okay. Vielleicht kann man auch gemeinsam über das Essen wärend des Fluges entscheiden.
Wenn man weiss, wieviele Leute wohin fliegen, kann man das Flugzeug auswählen. Natürlich stehen nur bestimmte Flugzeugtypen zur Verfügung.
Eine besondere Verantwortung hat der Pilot: er steuert das Flugzeug! Daß man ihn gut auswählen muss, versteht sich von selbst. Aber es macht nur Sinn, ihn aus einer Gruppe von Menschen auszuwählen, die bereits hinreichend Flugerfahrung haben. Das bedeutet, die Airline sorgt dafür, daß genug qualifizierte Piloten zur Verfügung stehen, aus denen man wählen kann.

Das Ganze endet bereits beim Bodenpersonal. Die Fluggäste müssen nicht darüber bestimmen, wer die Bodenabfertigung übernimmt, das Flugzeug betankt oder das Essen an Bord bringt. Diese Menschen leisten Arbeit, aber sie fliegen nicht einmal mit! Das bedeutet, daß sie keinen anderen Nutzen von Ihrer Tätigkeit haben, als ihr Gehalt.
Ganz abstrus wird es, wenn man sich auf den Standpunkt stellt, man wolle auch bestimmen, wer im Tower sitzt. Und wie diese Menschen zu arbeiten haben. Schliesslich habe man ja basisdemokratisch darüber abgestimmt, wann man losfliegen möchte, das müssten die anderen Airlines doch auch respektieren.

Abgesehen davon daß dieses Vorgehen nicht sinnvoll ist, und nicht funktioniert, ist es den meisten Menschen auch egal, warum das Flugzeug fliegt. Sie haben weder Ahnung von Aerodynamik, noch von Maschinenbau. Sie wissen auch nicht, wofür die ganzen Knöpfchen im Cockpit gedacht sind. Es reicht ihnen völlig, über das Ziel zu entscheiden. Und am Ende entspannt anzukommen.

Natürlich kann ich in diesem Bild auch Gegenbeispiele finden. Wir wollen mit Ökosprit fliegen, auch wenn er teurer ist. Wir nutzen nur Flugzeuge, die keinen Lärm machen. Wir achten darauf, nicht nachts zu starten und zu landen, damit wir die Gemeinschaft nicht belasten. Und so weiter.
Der Punkt ist: An irgendeiner Stelle sind wir in unseren Entscheidungsfindungsprozessen zu tief nach unten abgeglitten.

Ich möchte jetzt mal konkret werden:
Wir wollten dem System ein Upgrade verpassen! Wir wollten nicht alle Flugzeuge und am besten auch den Flughafen in die Luft sprengen, um alles neu zu erfinden.
Basisdemokratie heisst, daß die politische Agenda von der Basis bestimmt wird. Inhalte und Zielvorgaben werden gemeinsam erarbeitet. Und dabei spielt es zunächst einmal keine Rolle, ob diese Ideen umsetzbar oder finanzierbar sind! Dort, wo der politische Wille vorhanden ist, etwas umzusetzen, wird man auch Wege finden, es zu erreichen.

Über die innere Struktur der Partei basisdemokratisch abzustimmen, betrachte ich auch als absolut legitim. Hier soll, darf und kann sich jeder mit seinen Ideen einbringen. Wenn eine Idee aber längerfristig von der Basis nicht angenommen wird, muss man doch auch mal einsehen, daß sie möglicherweise schlecht ist. Oder einfach ungewollt. Das ist Demokratie.

Was in meinen Augen basisdemokratie NICHT heisst, ist, die Wege zu den definierten Zielen Schritt für Schritt im Vorfeld auf dem Papier festzulegen.
Erstens reden wir hier über Zeiträume von Jahren oder Jahrzehnten. Zweitens erfordern komplexe Konzeptausarbeitungen ein hohes Maß an Expertise. Ich halte mich nicht für dumm, aber ich bin selbstreflektiert genug um zu erkennen, daß eine Vielzahl der Abstimmungen im LQFB einen Expertenlevel aufweisen, für den mir das nötige Fachwissen fehlt.
Natürlich könnte ich mich in die Themen einarbeiten. Das tue ich auch, wenn mich eines besonders interessiert. Aber in ALLE? Das ist schlichtweg unmöglich.
Dazu kommt drittens, daß viele Menschen, nicht nur in der Partei, sondern generell, gerne über Dinge gefragt werden wollen. Sie möchten aber einfache Fragen gestellt bekommen. Fragen, die sie verstehen, zu denen sie Stellung beziehen können. Und sie möchten nicht ihre gesamte Zeit damit verbringen.

Die Fragen, die heute von der Politik gestellt werden, wenn es denn überhaupt mal vorkommt, sind allerdings zu einfach. Abgesehen davon ändern die Antworten auch nichts. Das ist es, was wir verändern wollen.
Unsere Aufgabe wird es sein, die richtigen Fragen zu Stellen. So, daß die Menschen das Problem erkennen. Innerparteilich genauso. Viele Piraten arbeiten für sich allein, unvernetzt, und bombardieren die Allgemeinheit mit Fragen, bei denen teilweise die Fragestellung schon unsinnig ist. Und verschwenden damit unsere Zeit.

Basisdemokratie heisst auch, über die politische Führung zu entscheiden. Wenn wir aber einen Piloten haben wollen, der sein Handwerk versteht, müssen wir ihm Anreize geben. Wenn wir ihn schon nicht bezahlen wollen, müssen wir mindestens dafür sorgen, daß er in Ruhe arbeiten kann. Das Flugzeug auf Kurs hält. Eine saubere Landung hinbekommt.
Der Pilot fliegt zwar mit, aber es ist ein Unding, wenn er für den Flug noch bezahlen soll. Und für seine Verpflegung. Wir sollten anfangen, dafür zu sorgen, daß er seinen Job gerne tut, wertschätzen, was er für uns leistet, und vor allem Vertrauen aufbringen, daß er sein Handwerk versteht!

In Neumarkt hat Christopher eine für mich erstaunliche Aussage getätigt. Er sagte, er fände es toll, wenn es möglich wäre, im Falle dessen, daß er im Abgeordnetenhaus vor einer inhaltlich ungeklärten Frage stünde, ad hoc die Basis zu ihrer Position zu befragen. Bei näherer Betrachtung halte ich diese Idee für nicht umsetzbar.

Sicherlich kann der Pilot mal, wenn er mitbekommt, daß es in Mallorca regnet, die Passagiere fragen, ob man nicht velleicht doch lieber nach Lloret de Mar fliegen will. Das sollte aber die absolute Ausnahme darstellen. Wenn man an einer möglichst breiten Meinungsbildung interessiert ist, sollte man nicht erwarten, daß sich alle zu jeder Zeit mit jedem Thema beschäftigen (können).

Das ist auch der Grund dafür, daß ich das „S“ in SMV nicht leiden kann. Aber das ist ein anderes Thema.