Piraten haben keine Freunde

tl;dr
Ohne Freunde werden wir untergehen. Wir müssen uns weiter vernetzen.

Auf dem ersten Bundesparteitag der Piraten in 2014 wurde eine Fahne aufgehängt. Genau genommen waren es zwei, aber eine, diejenige der Antifa, entfachte eine mal mehr, mal weniger kontroverse Diskussion darüber, ob es denn angemessen sei, sich so öffentlich zu einer nicht der Partei zugehörigen Bewegung zu bekennen.
Es ist bereits Vieles geschrieben worden; meiner Meinung nach mehr, als erforderlich gewesen wäre. Daher werde ich das Thema inhaltlich nicht kommentieren, sondern zum Anlaß nehmen, eine generelle Überlegung über die Ursache anzustellen, für die die Fahne das Symptom war.

Wir haben keine Freunde! Zumindest haben wir uns offiziell auf keine festgelegt.

Ohne das Für und Wider dieser speziellen Fahne zu betrachten, kam von den Seiten der Skeptiker der Einwurf, man solle Abstand davon nehmen, parteifremde Symbole auf Parteitagen zu präsentieren. Der Neutralität wegen. Das ist ein großartiger Anspruch! Er ist vergleichbar mit dem Anspruch, möglichst objektiv zu sein.
Das Ganze hat nur einen Haken: wir sind nicht neutral! Und nicht objektiv. Wir sind eine Partei! Und als Partei haben wir uns auf die Fahne geschrieben (scnr), die Interessen unserer Wähler zu vertreten. Oder war es doch umgekehrt? Wurden wir gewählt, weil unsere Themen bestimmte Interessen vertreten?
Die Piratenpartei Deutschland hat ein Grundsatzprogramm erarbeitet. Es ist nicht vollständig, wird es vielleicht nie sein; Dinge darin werden sich im Laufe der Zeit ändern. Aber es gibt die Richtung vor, in der wir als Partei gedenken, Politik zu machen. Dafür werden wir gewählt.

Für wen machen wir denn diese Politik? Für uns? Nein. Wir machen Politik für Menschen. Diese Menschen wählen uns, damit wir ihre Interessen vertreten.
Selbstverständlich erwächst daraus kein Alleinvertretungsanspruch: die verschiedenen Interessen, die wir vertreten, werden auch von anderen Institutionen bedient. Sogar von anderen Parteien. Manchmal sogar von Parteien, über die wir gerne öffentlich herziehen, die in anderen Themen unendlich weit von uns entfernt sind. In dem einen oder anderen Thema sind sie es jedoch nicht.
Aber vor allem gibt es haufenweise Interessensgruppierungen, die mehr oder minder nah an diversen unserer Kernthemen dran sind. Warum vernetzen wir uns mit diesen nicht? Oder, falls wir es tun, warum bemerkt dies niemand? Wie lange ist es her, daß man in den Medien etwas darüber las, daß sich eine parteiferne Organisation zu den Piraten bekannte? Mir fällt spontan nichts ein, ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Wenn Personen und Institutionen, die uns einst als große Hoffnung sahen, uns inzwischen skeptisch betrachten, und beginnen, sich von uns zu distanzieren, bekomme ich eine Gänsehaut! Wenn die „Netzgemeinde“ uns teilweise als „Spinner“ bezeichnet, und doch nicht umhin kann, unsere Politik, die wir dort machen, wo wir die Chance dazu bekommen haben, als alternativlos im Parteienspektrum anzusehen, dann machen wir irgendetwas™ falsch.
Wir müssen beginnen, mit denen zusammen zu arbeiten, die unsere Ziele teilen. Niemals werden wir immer in Allem mit Jedem übereinstimmen. Das schaffen wir ja nicht einmal innerparteilich, und das ist gut so! Aber wir müssen versuchen, eine Allianz zu schmieden, in der sich diejenigen Ziele verstärken, für die wir stehen, und diejenigen abschwächen, die wir nicht mittragen können. Das wäre gute Teamarbeit. Und das wäre Politik.

„Aber das ist doch die 1.0 Politik, die wir so verachten!“
Dazu kann ich nur sagen, daß bereits 2006 eine Entscheidung getroffen wurde. Nämlich die Entscheidung, eine Partei zu gründen, um das Spiel im großen System mitzuspielen. Um das System von innen heraus zu verändern. Die Devise lautete „Klarmachen zum Ändern“ nicht „Klarmachen zur Revolution“. Und daran arbeiten bereits inzwischen viele gute Piraten innerparlamentarisch.
Wer die Revolution herbeisehnt, oder seine Erfüllung darin findet, immer nur „dagegen“ zu sein, dem lege ich an dieser Stelle nahe, das irgendwo anders zu tun, aber nicht in dieser Partei.

Aber zurück zu unseren Freunden: Piraten sind Idealisten. Das ist wirklich lobenswert. Viele vergessen dabei leider, daß nicht jeder unsere Ideale vollumfänglich teilt; diesen Anspruch vertreten sie aber nach Aussen. Und so kommt es dazu, daß jene verprellt werden, die uns helfen würden, aber nicht hundertprozentig auf unserer Linie liegen. Also nahezu jeder. Völlig unnötig.

Davon, daß es vermutlich mit wenig Aufwand möglich wäre, Spenden für unsere Partei zu sammeln, würden wir nur an den entsprechenden Stellen anfragen, und uns von der Phobie lösen, uns damit angreifbar zu machen, möchte ich jetzt gar nicht anfangen. Das Thema werde ich sicherlich noch in einem späteren Blogpost verarbeiten.

Mein Fazit steht bereits im tl;dr: Wir müssen uns Freunde suchen, die uns unterstützen, und zwar aktiv. Sonst wird es auf lange Sicht ziemlich einsam.
Ganz ehrlich? Für dauerhaft 2+x % tue ich mir den Ärger nicht an! Ich habe das erklärte Ziel, diese Partei in den Bundestag zu bringen. Und zwar lieber früher, als später. Und das werden wir auf uns allein gestellt, nur rein mit Idealismus, nicht schaffen!

Anmerkung: würden wir mal konkrete Aussagen dazu treffen, wen wir uns als Verbündete wünschen, würde sich auch dieser ganze Richtungsstreit (links oder nicht links) zwanglos auflösen. Genau wie bei den inhaltlichen Unstimmigkeiten müssen wir daran arbeiten, den Interpretationsspielraum zu begrenzen, damit nicht jeder immer wieder die Deutungshoheit für sich in Anspruch nehmen kann. Sofern er nur laut genug schreit.

Stahlrabe

P.S.: Wer nun bis hierhin gelesen hat, dem möchte ich doch die Information nicht vorenthalten, wie ich zu der Antifa-Flagge stehe: Am Tag des BPT war es mir wirklich egal, die Signalwirkung erschien mir gering, die Intention unterstützenswert. Rückblickend würde ich mir wünschen, sie hätte nicht dort gehangen, und nächstes Mal werde ich den entsprechenden GO Antrag stellen, sofern sich niemand anderes dafür findet.